Hans „im Glück“ Herrmann

Hans „im Glück“ Herrmann

Rennfahrer-Legende Hans Herrmann war einer der vielseitigsten deutschen Piloten der 50er und 60er Jahre, der für Marken wie Mercedes und Porsche antrat. Berühmt wurde der 83-jährige Schwabe vor allem durch seine spektakulären Unfälle, bei denen er immer auf wundersame Weise heil davon kam. Doch nicht nur Glück, sondern auch sein fahrerisches Talent begleitete den gelernten Konditor durch seine beeindruckende Karriere: Zwischen 1952 und 1970 trat er bei 261 Rennen an – 79 davon gewann er, bei 51 landete er auf dem zweiten Platz. Heute betreibt Hans Herrmann mit seiner Familie eine Firma für Automobilzubehör und ist Mitglied der Jury “Das goldene Lenkrad”. Auto fährt er aber nur noch privat: Sein Wagen hat fast 500 PS.

Lieber Herr Herrmann, Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes eine lebende Legende in der Welt des Motorsports. Wie fühlt sich sowas an?

Besonders bei Veranstaltungen spricht man mich sehr oft darauf an. Wundern tut mich dies jedoch schon lange nicht mehr, denn ich denke, dass dies einfach mit meinem Alter zusammenhängt. Immerhin bin ich 83 Jahre alt und einer der letzten lebenden Rennfahrer aus den 50ern, 60ern und 70ern. Diese Aufmerksamkeit für so eine Person ist bestimmt völlig normal.

Kann man den Motorsport damals und heute vergleichen? Was hat sich aus Ihrer Sicht verändert?

Nein, den Rennsport von damals kann man mit dem heutigen überhaupt nicht vergleichen. Einerseits wegen der hochentwickelten Technik und Elektronik, die heute in den Fahrzeugen verbaut ist. Anderseits natürlich auch wegen des Risikos, das früher sehr viel größer war als heute. Die Unfälle sind genauso spektakulär wie damals, doch die Folgen sind heute glücklicherweise nicht mehr so schwerwiegend.

Im Kreis von KollegenStellen Sie sich das mal vor: In den 50er Jahren – zu Beginn meiner Rennkarriere – sind 16 meiner Rennkollegen und -freunde ums Leben gekommen. In den 60ern waren es sogar 25. Der Hauptgrund dafür waren die fehlenden Auslaufzonen auf den Rennstrecken. Erst durch die explizite Aufforderung von Rennfahrern wie Nikki Lauda und Jackie Stewart, entsprechende Auslaufbereiche zu bauen, gab es ab den 70er Jahren immer weniger Todesunfälle. Nicht zu vergessen sind auch hunderte von Zuschauer, die durch die mangelnden Freiflächen in Unfälle hineingezogen wurden. Das Thema Sicherheit – sowohl für Fahrer, als auch für Zuschauer – steht heute ja an erster Stelle, was diesen schönen Sport natürlich deutlich sicherer macht.

Könnten die aktuellen Stars der Formel 1 – wie z.B. Sebastian Vettel – Ihrer Meinung nach auch zu Ihrer Zeit gewinnen und wie sehen Sie dies im umgekehrten Sinne?

Ja, ganz sicher! Es ist völlig egal, in welcher Zeit ein Sportler seine Disziplin ausübt. Die heutigen Top-Fahrer wären auch damals die Favoriten gewesen. Anders herum ist das natürlich genauso. Es geht um Persönlichkeiten, sportliche Fähigkeiten und den Willen, zu gewinnen. Nehmen wir Stabhochsprung als Beispiel: Der Athlet musste schon vor 50 Jahren mit seinen normalen Turnschuhe über die Stange springen und heute ist das nicht anders. Um zu gewinnen, muss aber natürlich die Technik und das Material stimmen. Wenn diese Komponenten nicht funktionieren, kann selbst der beste Sportler nichts ausrichten.

Haben Sie einen Lieblingsrennfahrer?

Hans Herrmann im Gespräch mit Sebastian VettelWen ich unheimlich schätze, ist Sebastian Vettel. Was für ein Talent! Außerdem ist er ein Kerl, der mit beiden Beinen im Leben steht und auf dem Boden geblieben ist. Das mag ich an ihm. Außerdem verbindet uns eine Gemeinsamkeit: Wir sind beide sehr jung in den Rennsport eingestiegen. Leider verändert dieser Sport heutzutage viele Menschen. Luis Hamilton zum Beispiel habe ich vor drei Jahren kennen und schätzen gelernt. Damals war er ein ganz lieber Junge mit viel Potenzial. Allerdings hat ihn wohl die Umgebung ein wenig zum negativen verändert – heute ist er ein anderer Mensch als in seiner Anfangszeit. Das finde ich sehr schade.

Sie sind Idol und Vorbild für viele Rennfahrer heute. Hatten Sie damals auch Vorbilder?

Natürlich! Als ich zehn Jahre alt war, waren meine Vorbilder vor allem Bernd Rosemeyer und Rudolph Caracciola. Diese beiden Rennfahrer gehörten zu den bekanntesten PS-Helden vor dem Zweiten Weltkrieg. Damals wollte ich unbedingt so sein wie sie und konnte es kaum erwarten, alt genug zu sein, um selbst Autorennen zu fahren.

Sie haben ja bei den verschiedensten Rennarten teilgenommen – die größten Siege haben Sie aber mit 24-Stunden-Rennen erzielt wie z.B. mit Ihrem letzten Einsatz 1970 in LeMans. Warum sind Sie so vielseitige Rennen gefahren?

Früher war es üblich, dass die Fahrer alle Rennarten gefahren sind. Ob Formel 1, Langstreckenrennen, kurze Sprintrennen oder Bergrennen: Wir haben einfach alles mitgenommen. In einem Jahr bin ich sogar mal 30 Rennen gefahren. Diese Vielseitigkeit ist auch wieder ein riesen Unterschied zur heutigen Zeit, in der man sich auf eine einzige Rennart spezialisiert.

Hatten Sie eine Lieblingsrennstrecke?

Ja klar! Diejenigen Rennen, bei denen ich gewonnen habe! Spaß beiseite, welche Rennen ich beispielsweise nie mochte, waren die von Monte Carlo. Gerade einmal 3,3 Kilometer lang war und ist diese Strecke und zudem sehr eng. Außerdem hatte ich dort mal einen bösen Unfall, daher habe ich Monte Carlo nicht besonders positiv in Erinnerung.

Hans im Glück ist ja Ihr Spitzname. Wie kam es zu diesem Titel?  

Das ist ganz einfach: Weil ich in meiner Karriere als Rennfahrer unheimlich viel Glück hatte! Vor allem bei den schlimmen Unfällen gelang es mir immer, glimpflich davon zu kommen. Auf der Berliner AVUS 1959 zum Beispiel versagten die Bremsen bei meinem Wagen. Dieser überschlug sich in hohem Bogen und ich wurde in eine Höhe von zwölf Metern herausgeschleudert. Glücklicherweise habe ich es aber noch geschafft, mich auf einen Strohballen fallen zu lassen. Einer der Journalisten, der über diesen Unfall berichtete, nannte mich „Hans im Glück“. Und so bin ich zu diesen Namen gekommen. Auch heute werde ich noch so genannt, was aber schon in Ordnung ist. Immerhin habe ich heute nach wie vor Glück – vor allem mit meiner lieben Frau, mit der ich nächstes Jahr 50 Jahre verheiratet bin.

Sie haben ja auf Wunsch Ihrer Mutter eine Konditorlehre gemacht, doch den Beruf nie ausgeübt. Wie kam es dazu, dass Sie schon so früh in den Motorsport eingestiegen sind? War es früher leichter, in den Sport einzusteigen?   

Damals wollte ich auf keinen Fall zum Militär und es hieß, dass ich durch eine Konditorlehre davonkommen könnte. Allerdings war das ein Trugschluss und ich musste 1945 als 17-Jähriger trotzdem einrücken. Den Traum, Rennfahrer zu werden, verfolgte ich aber trotzdem konsequent weiter. Früher war es glücklicherweise leichter als heute, in den Rennsport einzusteigen. Zudem hatte ich von Anfang an Glück: Weil ein Werksfahrer von Porsche für die Formel-1-Saison 1954 schwer verunglückte und nicht mehr teilnehmen konnte, durfte ich dessen Platz einnehmen, nachdem man durch meinen Job als Testfahrer auf mich aufmerksam wurde.

Sie verfolgen doch sicherlich aktiv den heutigen Motorsport wie z.B. die Formel 1, der sich ja in vielerlei Hinsicht von den früheren Rennen unterscheidet. Würden Sie als junger Mensch heute auch wieder Rennfahrer werden wollen?

Ja, natürlich! Kein allzu hohes Risiko mehr und einen Haufen Geld! Was will man mehr?

24 Stunden in einem Rennwagen – unter stetiger Konzentration und Anspannung. Denkt man da tatsächlich einzig und allein an den Sieg oder was geht einem da durch den Kopf?

Bei einem 24-Stundenrennen muss sich der Fahrer das Rennen mental sehr genau einteilen. Man darf zum Beispiel nicht gleich lospreschen und wie verrückt Gas geben.

Intelligente Fahrer haben im Vorfeld penibel genau geplant, wieviel sie bremsen oder beschleunigen dürfen, sodass der Verschleiß und der Verbrauch nicht zu hoch sind. Dabei hat man die ganze Zeit schon den Siegeswillen im Kopf, doch noch viel mehr Energie verwendete man auf das strategische Fahren. Im Gegensatz zu heute musste man sich die 24-Stundenrennen statt zu viert zu zweit aufteilen. Da waren Hindernisse wie Nebel, Regen und Dunkelheit auf Dauer sehr anstrengend und mühsam.

Auf Wunsch Ihrer Frau haben Sie 1970 den Rennsport aufgegeben. Lag es wirklich nur an ihr oder haben Sie auch selbst gemerkt, dass irgendwann mal Schluss sein muss?

Ja. Meine Frau hat im Laufe der letzten Jahre meiner Karriere immer mehr Angst bekommen. Kein Wunder bei den vielen Unfällen! Um mir das zu zeigen, hat sie sich die verrücktesten Sachen einfallen lassen. Einmal hat sie den Mechanikern einen Brief von meinem damals fünfjährigen Sohn mitgegeben, auf dem „Papa, fahr langsam“ stand. Dabei konnte er zu dem Zeitpunkt noch gar nicht schreiben. Für mich war aber im Fühjahr 1970 – als ich unter Louise Piëch für Porsche fuhr – klar, dass ich bald aufhören würde. Vor dem 24-Stunden-Rennen von Le Mans im gleichen Jahr fragte mich meine Frau: „Wenn du gewinnst, hörst du dann auf?“ Und ich sagte ja – und hielt mich dran.

Gibt es eine bestimmte Geschichte, Anekdote oder Situation, an die Sie sich besonders gerne erinnern?

Ohja, an eine einmalige Aktion, die auf der Idee von Dr. Ferdinand Piëch gewachsen ist. Bei ihm musste immer alles extrem sein. Bei einem Langstreckenrennen im Jahr 1960 auf der 72 km langen Targa Florio in Sizilien hatte er mich im Vorfeld gefragt, ob ich abwechselnd in zwei Wagen mitfahren wolle. Ich bejahte dies und so wurde ich Gesamtsieger mit dem einen Teamkollegen und parallel Drittplatzierter mit dem anderen. Lustigerweise vermuteten nach dem Rennen alle einen Druckfehler auf den Plakaten.

Sie sind ja heute auch noch sehr viel unterwegs und man trifft Sie häufig auf öffentlichen Veranstaltungen rund um das Thema Motorsport. Haben Sie da überhaupt noch Zeit, andere Dinge  zu tun wie z.B. Hobbies auszuleben?

Eigentlich nicht. Ich bin nach wie vor intensiv mit meiner Firma beschäftigt. Wir beliefern Mercedes, Porsche und BMW mit Zubehörprodukten wie zum Beispiel Felgen. Von BMW und Porsche werde ich außerdem hin und wieder auf Veranstaltungen eingeladen, um die „alten Kisten“ zu bewegen. Erst kürzlich war ich zum Beispiel auf dem englischen Goodwood Festival of Speed 2011, wo wir das 100-jährige Jubiläum von Juan Manuel Fangio gefeiert haben. Im Oktober bin ich einige Tage für Porsche in den USA unterwegs. Wie Sie sehen, habe ich eigentlich keine Zeit zum Golfen, was viele in meinem Alter tun. Aber ich bin ja auch erst 83 Jahre alt – da kann noch viel passieren.

Sie fahren ja heute immernoch gerne Auto. Kann es bei Ihnen privat immer noch niemals schnell genug sein oder brauchen Sie heute den „Geschwindigkeitsrausch“ nicht mehr?

Ein schnelles Auto habe ich schon: Immerhin  bis zu 300 km/h fährt mein Mercedes AMG. Und wo es erlaubt ist, lasse ich ihn schon gerne mal laufen. Doch mit Geschwindigkeitsrausch hat das nichts mehr zu tun. Diese Zeiten sind eindeutig vorbei.

Lieber Herr Herrmann, vielen Dank für das Gespräch!

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