Pausentee: Einparken mit Tempo 400km/h

„Mit Tempo 400 in die Garage einparken“, so beschreibt Matthias Dolderer seinen Sport. Beim Red Bull Air Race geht es um Geschwindigkeit, Präzision und den Kampf gegen die Zeit. Mit absoluten Spitzengeschwindigkeiten navigieren die Air Racer ihre acht Meter breiten Rennflugzeuge durch 20 Meter hohe Pylonen, die im Abstand von nur zwölf Metern aufgestellt werden und den WM-Parcours markieren. Der 39jährige ist der einzige deutsche Teilnehmer der spektakulären Rennserie. Mit drei Jahren saß er mit seinem Vater im Flieger, mit 14 bereits alleine, mit 20 Jahren war er Deutscher Meister im Ultraleichtflug. Heute – 7584 Flugstunden später – fliegt er mit bis zu 400 Stundenkilometern und bei bis zu 12G durch die Luft.

Du bist sozusagen auf dem Flugplatz aufgewachsen, bereits als kleines Kind mitgeflogen und hast mit 14 deinen ersten Soloflug absolviert. Was tust du, wenn du nicht gerade im Flugzeug sitzt?

Dann kümmere ich mich darum, dass ich möglichst schnell wieder drin sitze! Aber Spaß bei Seite: Unser Flugplatz und die Flugschule sind ein Familienbetrieb. Da gibt es natürlich jede Menge zu tun. Während meine Schwester sich um die Flugschule kümmert, bin ich für den Flugplatz, die Organisation und Konzeptentwicklung zuständig. Die letzten Jahre habe ich mich allerdings nur um das Red Bull Air Race gekümmert – das war ein Full-Time Job.

Du hast trotz deiner frühen Flugleidenschaft erstmal eine Ausbildung zum Industriekaufmann gemacht. Hast du jemals vorgehabt, in diesem Beruf zu arbeiten, oder hattest du schon früh den Weg des Profi-Piloten im Blick?

Die Ausbildung war in einem Bauunternehmen und eigentlich hab ich die nur gemacht, weil meine Eltern meinten, ich müsse einen Beruf erlernen. Im Nachhinein war ich froh, dass ich diese Ausbildung gemacht habe. Als ich die Lehre beendet hatte, wollte man mich auch behalten. Für mich war aber damals schon klar, dass ich den Flugplatz eines Tages weiterführen würde.

Wie oft steigst du ins Flugzeug, wieviele Stunden pro Woche bist du in der Luft?

Etwa 300 bis 400 Stunden pro Jahr, wobei ich im Sommer natürlich wetterbedingt deutlich öfter im Flugzeug sitze. Manchmal fliege ich fünf oder sechs Stunden am Tag und dann gibt es wieder Wochen, in denen ich nicht dazu komme.

Was macht für dich die Faszination am Fliegen aus? Kann man von Sucht sprechen?

Das ist auf jeden Fall die Freiheit und das Gefühl, wie ein Vogel durch die Luft zu gleiten und all die Dinge, die auf der Erde passieren zurückzulassen. In dem Moment, in dem ich vom Boden abhebe, lasse ich alles unten zurück.

Matthias in seinem Element

Matthias in seinem Element

Ist es tatsächlich so, dass von oben auch die Probleme und „Alltagsbeschwerlichkeiten“ kleiner wirken?

Natürlich kommt es darauf an, was für einen Flug man gerade macht. Es gibt Flüge, die macht man nur, um die Perspektive und den Flug an sich zu genießen. Oder man setzt sich ins Flugzeug, um von A nach B zu kommen. Bei einem Schulflug muss man sich als Lehrer natürlich auf Schüler und Technik konzentrieren. Keiner ist wie der andere – das macht es auch so spannend. Das Gefühl selbst zu fliegen ist mit Worten kaum zu beschreiben. Mein Lieblingsspruch ist: „The best thing you can do with your pants on is flying!”

Ein Fehler im Fußball führt in den schlimmsten Fällen zu einem Knochenbruch oder Bänderriss – ein Fehler beim Fliegen nicht selten zum Tod. Wie geht man damit als Pilot um? Blendet man diesen Gedanken vollkommen aus oder setzt du dich aktiv damit auseinander?

Das kann man nicht ausblenden, denn es kann immer etwas passieren. Schon bei der ersten Flugstunde bekommt man eingebläut, sich mit dem Thema auseinander zu setzen. Bevor ich überhaupt in den Flieger steige, befasse ich mich damit, was ich tue, wenn der Motor beim Start in 50, 100 oder 200 Metern Höhe ausfällt. Habe ich ein Flugzeug, dass schon sehr alt ist, fliege ich nicht über ein Gelände, auf dem ich nicht landen kann. Habe ich ein Flugzeug, das zwei Motoren hat, ist recht unwahrscheinlich, dass beide gleichzeitig ausfallen. Beim Kunstflug hat man einen Fallschirm dabei. Da bereitet man sich darauf vor, dass man unter Umständen aussteigen muss. Tritt der Ernstfall tatsächlich ein, kommt doch alles anders als man es im Kopf durchgespielt hat. Dann gilt es, Ruhe zu bewaren und zu versuchen, das Gelernte auch umzusetzen. Angst ist beim Fliegen fehl am Platz. Dann braucht man gar nicht erst einsteigen.

Bist Du selbst schon mal in eine richtig brenzlige Situation gekommen?

Ja, das bin ich natürlich schon. Je öfter man fliegt, desto größer ist die Chance, dass man mit Zwischenfällen rechnen muss. Das ergibt sich schon allein aus der Wahrscheinlichkeits-Theorie und ist beim Autofahren nichts anderes. Während meiner aktiven Ultraleichtfliegerei war bei einer Außenlandung nur ein Weizenacker als Landefläche verfügbar, was einen Überschlag zur Folge hatte. Seitdem ist mir Größeres erspart geblieben. In der Luftfahrt wird Sicherheit sehr groß geschrieben, die Wartungsintervalle und Vorschriften sind um ein Vielfaches höher und schärfer als bei allen anderen Fortbewegungsmitteln. Bei Unfällen wird der Hergang im Nachhinein bis ins Detail rekonstruiert, um herauszufinden, was passiert ist und wie man das künftig verhindert. Bei keiner anderen Art der Fortbewegung ist man so gründlich. Das ist für den Piloten entscheidend, denn gerade beim Fliegen lernt man viel aus den Fehlern anderer. Bereitet man sich auf einen längeren Flug vor, stehen zwei Wochen im Flugsimulator auch auf dem Plan. Da übt man nicht, wie sich ein bestimmter Flugzeugtyp fliegt, sondern was man macht, wenn ein Teil oder im schlimmsten Fall alles ausfällt. Das ist mit einer der Gründe, warum beim Fliegen recht wenig passiert. Kommt es doch dazu, ist es nie eine Ursache alleine, sondern eine Verkettung mehrerer unglücklicher Umstände.

Was zeichnet „den“ Kunst- oder Rennpiloten aus? Ist euch eine bestimmte Lebenseinstellung gemeinsam oder bestimmte Charaktereigenschaften?

Jeder von uns hat seine ganz eigene Persönlichkeit, die den Flugstil beeinflußt. Um ein Red Bull Air Race Pilot zu werden, muss man bei den Europameisterschaften im Kunstfliegen unter die Top 50 kommen. Dafür muss man lang und hart trainieren. Ohne Disziplin geht das nicht. Wir fliegen nicht einfach wild drauf los, sondern machen uns Gedanken, was wir tun.

Bei Rennen wie dem Red Bull Air Race bist du 90 Sekunden im Rennkurs – eine unfassbar kurze Zeit! Wie erlebst du diese Sekunden, geht das auch für dich wahnsinnig schnell vorbei oder wie in Zeitlupe?

Man ist eine Minute bis 90 Sekunden im Rennkurs. Das erlebt man zwar nicht gerade wie in Zeitlupe, aber es fühlt sich auch nicht so kurz an wie es tatsächlich ist. Man donnert mit 400 km/h in den Rennkurs und hat nicht viel Zeit zu überlegen. Es darf jedoch nie passieren, dass man mental hinter dem Flugzeug ist, dann kann man das Rennen gleich abbrechen. Für mich ist es die totale Erfüllung sobald ich in den Rennkurs gehe – einfach ein geiles Gefühl! Rennen fliegen bedeutet Adrenalin, Stress, Anspannung, Gefahr, Risiko und Hochleistungssport zugleich – der Mix aus all dem ist das Coole daran! Beim Red Bull Air Race liegt die Faszination jedoch nicht nur im Rennen allein, sondern auch an dem Umfeld, dem Reisen, den Austragungsorten, den Leuten oder dem Team, das einen begleitet. Das sind Momente, die man nur schwer beschreiben kann.

Matthias Dolderer und Sebastian Vettel, Copyright: Red Bull

Matthias Dolderer und Sebastian Vettel, Copyright: Red Bull

Beim Red Bull Air Race durchfliegst du einen Parcour aus riesigen Pillonen, so eine Trainingsstrecke steht ja sonst nicht zur Verfügung. Wie tranierst du das?

Beim Trainig hat man ein Foto von Google Earth, auf dem die Pillonen eingezeichnet sind. Das erhalten wir drei bis vier Wochen vor dem Rennen. Den Parcour prägt man sich ein und sucht sich die Details zur Location raus: woher kommt der Wind, wie fliege ich welches Gate an, wie fliege ich um welche Pillone. So definiere ich eine Fluglinie. Vor einem Rennen spiele ich alle möglichen Eventualitäten durch, die je nach Wetter auftreten können. Ich gehe Rennen und Timing im Kopf  Schritt für Schritt immer wieder durch. Nach dieser Phase kommen alle Piloten dann ein paar Tage vor dem Rennen zum Parcour und stellen oft fest, dass einige Details dann doch anders aussehen. Das liegt meist daran, dass sich optische Täuschungen auf den Bildern einschleichen. Ich übertrage dann den mentalen Kurs für mich in den tatsächlichen Rennkurs und schaue mir alles genau an. Handelt es sich um einen Parcour über Land, gehe ich ihn ab und präge mir jedes Detail wie die Entfernungen der Pillonen ein. Ist der Parcour über Wasser versuche ich mit einem Boot den Kurs abzufahren. Visuelle Referenzen sind dabei immer ganz wichtig – in Rio zum Beispiel der Zuckerhut. Anschließend steige ich ins Flugzeug und fliege den Parcour das erste Mal durch. Je nach Schwierigkeitsgrad der Strecke fliegen wir schon den tatsächlichen Kurs in Rennhöhe oder ein bis zwei Meter über den Pillonen, um uns den Rhytmus einzuprägen.

Wie würdest du das Zusammenspiel zwischen Team, Piloten und Flugzeugen beurteilen – kann man sagen, das eine ist nichts ohne das andere? Ist Fliegen eigentlich ein Teamsport?

Beim Red Bull Air Race fällt dem Techniker eine wichtige Rolle zu. Er nimmt mir als Pilot die ganze Last ab, mich um die Technik kümmern zu müssen – egal ob es die Einstellung des Motors ist, das Warten, Tanken und vieles mehr. Wenn ich das selbst alles machen müsste, wäre das genauso, wie wenn Sebastian Vettel sich selbst anschieben würde. Das funktioniert bei einem Rennen nicht. In der Luft ist der Pilot allein mit der Technik. Ich fliege gar nicht erst los, wenn nicht alles zu 100% stimmt. Ich kann ja nicht wie beim Auto einfach mal an den Rand fahren, um Öl nachzufüllen.

Gibt es bei Rennen eine Strategie oder Taktik, wie man es aus anderen Sportarten kennt?

Eine halbe Stunde vor dem Start kribbelt es, dann steig ich ein und schon bin ich der ruhigste Mensch, den es gibt, und völlig konzentriert auf das Rennen. Da existieren nur noch die Maschine und das Rennen für mich. Ich muss in Sekundenschnelle reagieren können, wenn zum Beispiel ein Vogel oder ein anderes Hinderniss unerwartet vor mir auftaucht oder etwas am Flugzeug kaputt geht. Wir Piloten müssen extrem schnell von Rennmodus auf Notfallmodus umstellen können. Da ist die persönliche mentale Stärke entscheidend.

Das Red Bull Air Race an der Lausitz war für dich ein Highlight und ein besonderer Moment, weil du vor deinen deutschen Fans fliegen konntest. Wieviele Fans hat man so als Rennpilot? Und wie wichtig sind dir deine Fans?

Die Fangemeinde ist natürlich nicht so groß wie in der Fußballbundesliga. Das liegt auch daran, dass es diesen Sport noch nicht so lange gibt. Aber schaut man auf das, was bisher für den Sport gemacht wurde, ist die Fanbase recht beachtlich, obwohl nur 2006 und 2010 Rennen in Deutschland stattfanden. Das wäre definitv anders, wenn wir hier öfter Red Bull Air Races austragen würden. Ich bin sicher kein Boris Becker oder Sebastian Vettel, aber ich habe auch gemerkt, dass ich seit dem letzten Rennen am Lausitzring deutlich mehr Briefe und Emails von Fans bekomme. Um letztendlich einen Fan wirklich zu elektrisieren, muss er ein Rennen live miterlebt haben.

Was für sportliche Ziele und Erfolge hast du dir für die nächsten Jahre gesteckt? Gibt es einen Titel, auf den du hinarbeitest?

Ich hoffe darauf, dass es mit den Red Bull Air Races weitergeht und ich so lange wie möglich dabei sein kann. Es gibt einfach keine Alternative zu diesen Rennen. Ich hab es in der Zwischenzeit auch schon mit Autofahren probiert und bin zwei Mal die Mini-Challenge mitgefahren, aber das ist nicht vergleichbar. Wenn man das nicht von Klein auf lernt, ist es schwer, später noch den Einstieg zu finden. Aber auf jeden Fall macht das auch richtig Spaß.

Du bist Fluglehrer und hast im Rahmen des Red Bull Air Race einen Gastvortrag an der Uni  Stuttgart gehalten. Wie wichtig ist es dir, auch andere von deinem Sport zu begeistern?

Mein Ziel war es mit dem Red Bull Air Race den Sport nach vorne zu bringen und diese Art der Fliegerei so lange wie möglich zu machen, denn es ist einfach der größte Spaß, den man haben kann. Diese Art der Fliegerei ist bei diesen Rennen schlicht einzigartig!

Wie sieht es mit den Nachwuchs aus – gibt es in deinem Sport genügend hoffnungsvolle junge Talente? Oder gibt es Nachwuchsprobleme – schließlich ist es kein Allerweltssport, der Einstieg ist teuer und ganz ungefährlich ist er ja auch nicht…

Es gibt schon einige, die Interesse an dem Sport haben. Ich hatte auch schon Schüler, die mit dem klaren Ziel, Red Bull Air Race Pilot zu werden, zu mir gekommen sind und eine Flugausbildung gemacht haben. Man kann heute nicht als Beruf Red Bull Air Race Pilot werden, da muss man schon noch einen anderen Beruf haben. Denn wenn das Red Bull Air Race nicht stattfindet, gibt es keine vergleichbaren Rennen. Will das jemand wirklich als Beruf ausüben, empfehle ich den Leuten immer, Berufspiloten bei einer Fluggesellschaft zu werden. Nachwuchs gibt es aber auf jeden Fall – wenn auch nicht so stark wie beim Gokartfahren. Das liegt schlicht daran, dass es auch nicht so einfach ist, in die Unlimited-Klasse zu kommen.

Einfach ein geiles Gefühl, schwärmt Matthias vom Air Racing

Einfach ein geiles Gefühl, schwärmt Matthias vom Air Racing

Wie sieht es mit Sponsoring aus? In dem Film über deine Red Bull Air Race Highlights habe ich bestimmt 5 verschiedenen Logos gesehen – könnt ihr euch vor Sponsoringanfragen nicht retten oder ist es eher schwierig, Sponsoren zu gewinnen?

Immer her damit – wer Lust hat, im Bereich der Fliegerei was zu machen, kann sich immer gern an mich wenden. Teilweise ist es schwer, größere Unternehmen für sich zu gewinnen. Andererseits haben die Sponsoringanfragen durch das Red Bull Air Race und meine größere Bekanntheit sicher auch etwas zugenommen. Es ist ein sehr attraktiver Sport, der von Emotionen über Technik bis hin zu Geschwindigkeit alles zu bieten hat. Wir sind als Piloten international unterwegs, was sicherlich auch für Sponsoren interessant ist.

Deine Homepage, die Tankosh-Seite, Facebook, Twitter und Blog – dein Auftritt nach außen ist ungemein professionell. Wie wichtig ist es, sich der Öffentlichkeit und damit auch potentiellen Sponsoren gut zu präsentieren? Hast du dabei professionelle Unterstützung, z.B. durch deine Partner?

Momentan mache ich da alles selbst. Aufgebaut habe ich den Auftritt mit meinem Teamcoordinator und jetzt kümmere ich mich um die Aktualität und das Einstellen neuer Infos – auch wenn da zur Zeit nicht ganz so viel zu tun ist, wie zu Air Race Zeiten.

Was für Leute kommen zu dir in die Flugschule?

Querbeet, vom Busfahrer bis zum Unternehmer ist alles dabei. Und alle haben diesen Kindheitstraum vom Fliegen im Kopf. Wir bieten ja auch die unterschiedlichsten Flugarten an: Hubschrauber, Ultraleichtflugzeug, Motorflieger und vieles mehr.

Du hast mit Tannkosh eines der größten Pilotentreffen in Europa organisiert. Wie wichtig ist es dir, den Sport voranzutreiben und vor allem auch das Netzwerk der Piloten untereinander zu pflegen?

Wir waren 1982 die erste Leichtflugshow in Deutschland. 1993 haben wir dann das erste Fliegertreffen für Leichtflugzeuge organisiert – UL Fly-In hieß das damals. Das hat so großen Spaß gemacht, dass wir beschlossen,das im nächsten Jahr wieder zu machen. Da hat dann jeder einen anderen Piloten mitgebracht und schon waren es doppelt so viele Teilnehmer. So hat sich das dann von Jahr zu Jahr weiterentwickelt. 2003 waren wir bereits bei rund 550 Flugzeugen. In diesem Jahr waren 1.500 Piloten mit ihren Fliegern bei Tannkosh am Start. Der Sinn der Sache ist eingentlich Party.  Auch heute ist es noch eine Party von Piloten für Piloten – das soll sich auch in Zukunft nicht ändern.

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