Zum Rollerderby bin ich über meinen Mann gekommen, der in Stuttgart hin und wieder zu den Spielen der Valley Rollergirlz gegangen ist. Ich habe zu diesem Zeitpunkt mehr schlecht als recht Sport betrieben, weil ich einfach noch nicht das gefunden hatte, was mir wirklich Spaß macht. Als mein Mann meinte, Rollerderby könnte genau mein Sport sein, ich würde da super reinpassen, habe ich erst gezögert. Schließlich konnte ich überhaupt nicht Rollschuhfahren! Aber dann habe ich mir doch ein Herz gefasst, habe die Rollergirlz angeschrieben und wurde sofort zum Training eingeladen. Da bin ich dann meine ersten Runden auf Leihrollschuhen gefahren und wusste: Das ist es. Es war wirklich Liebe auf den ersten Blick.
Was macht für dich die besondere Faszination, den Reiz am Rollerderby aus?
Das ist eine ganz besondere Mischung. Es ist ein Teamsport, daraus schöpfe ich einen Großteil meiner Motivation und Begeisterung. Mich fasziniert außerdem die Taktik, die dahinter steckt – Roller Derby ist ein sehr komplexer Sport mit vielen durchdachten Spielzügen und Strategien. Ausdauer spielt natürlich auch eine große Rolle. Und nicht zuletzt: Es ist kein konventioneller Sport, kein Breitensport, sondern etwas besonderes. Das ist natürlich auch ein Anreiz, ganz klar.
Nicht konventionell, was heißt das? Wie kann man sich das typische Roller Girl vorstellen?
Witzigerweise haben wir viele Mädels aus kreativen Jobs in unserem Team, viele Grafikdesignerinnen, Agenturmenschen und Künstler. Natürlich haben wir auch Spielerinnen, die „stinknormalen“ Berufen nachgehen, aber die sind doch die Ausnahme. Wir sind schon eine Mischung aus sehr individuellen, extravaganten Persönlichkeiten.
Roller Derby beinhaltet ja auch einen gewissen Showfaktor: Bunte Kleidung, die Pseudonyme der Spielerinnen, laute Musik. Wie wichtig ist der Showfaktor für euch und welche Rolle spielt er für das Publikum?
In den Anfangszeiten der Stuttgart Valley Rollergirlz war die Faszination an diesem „Anderssein“ noch sehr groß. Natürlich stylen wir uns auch heute noch für unsere Auftritte und sind ja sozusagen schon von Natur aus sehr bunte Mädels, das fängt bei der Haarfarbe an und geht über Tattoos bis hin zu unseren Outfits. Aber jetzt, wo wir schon so viel erreicht haben, rückt der Sport immer mehr in den Vordergrund. Wir sind aber auch nicht böse, wenn das Publikum wegen der tollen Stimmung und den interessanten Leuten kommt und darüber den Zugang zum Sport findet.
In Deutschland ist Roller Derby bei weitem nicht so verbreitet wie in den USA. Woran liegt das deiner Meinung nach?
Sicherlich ein Stück weit daran, dass wir in der Presse noch nicht wirklich stattfinden. Obwohl wir, wenn wir Presse bekommen, immer gute Presse bekommen. Der große Hype ist trotzdem bis jetzt ausgeblieben. Wir haben einiges an Hoffnung gesetzt in den Rollergirls-Film mit Drew Barrimore, der vor ein paar Jahren gedreht worden ist, aber bei uns ist der bis heute nicht erschienen. In Deutschland haben wir sechs Vereine, Stuttgart ist mit 50 Leuten schon einer der größten. Mit so wenig Mitgliedern ist es schwierig, den Sport populär zu machen.
Wie sieht das in anderen europäischen Ländern aus?
Ähnlich. Ausnahme ist UK, die sind wirklich stark und spielen inzwischen sogar gegen Teams aus den USA. Den anderen europäischen Vereinen geht es wie uns. Ein wesentliches Problem ist, dass wir uns ungeheur schwer tun, Hallen für unser Training zu finden. In Stuttgart hat die Stadt ein Rollschuhverbot auf sämtliche städtischen Hallen gelegt. Das trifft nicht nur uns Rollergirlz, sondern auch alle anderen Rollschuh-Sportarten, die Kunstrollschuhläufer beispielsweise. Wir sind jetzt auf die wenigen privaten Hallen angewiesen, die es gibt, und die kosten ein Schweinegeld. In Stuttgart findet zu dem Rollschuhverbot jetzt ein Bürgerhaushaltsentscheid statt, wo wir uns natürlich stark engagieren. Ich meine: Da werden jungen Menschen, die in ihrer Freizeit Sport treiben möchten und jede Menge Herzblut reinstecken, solche Steine in den Weg gelegt, das ist wirklich ärgerlich.
Wenn das Geld immer knapp ist – wie sieht es aus mit dem Thema Sponsoring?
Sehr schwierig, wir suchen händeringend nach Sponsoren. Die Stuttgart Valley Rollergirlz werden seit langem unterstützt von TSG, die das Equipment stellen, aber darüber hinaus tut sich wenig. Gerade jetzt, wo wir ein Nationalteam aufgestellt haben und es für 20 Mädels nach Toronto zur Weltmeisterschaft geht, könnten wir finanzielle Unterstützung sehr gut gebrauchen. Bis jetzt zahlen wir einen Großteil aus eigener Tasche und da kommt gerade bei Auslandsspielen, wenn wir quer durch ganz Europa fahren müssen, einiges zusammen. Wir haben zwar ein paar treue Sponsoren, aber wirklich viel Geld fließt nicht. Dazu sind wir einfach nicht so populär wie zum Beispiel Fußball, wo viele Menschen erreicht werden und die Marketingabteilungen entsprechend gerne den Geldbeutel aufmachen.
Wie hoch ist denn so der Altersdurchschnitt bei den Rollergirlz?
Rollerderby darf man ja erst ab 18 machen aufgrund der Härte des Sports. Die Jüngste bei uns ist 20, dann geht es hoch bis 38. Die meisten sind so um die 30.
Und wie oft trainiert ihr?
Wir haben pro Woche vier Trainingstermine. Die Teamspieler müssen dreimal trainieren. Bei uns gibt es gewisse Rankings, wer Spiele machen darf und wer nicht. Als Teamspieler muss man dann tatsächlich mindestens dreimal pro Woche ran, das Training braucht mah dringend, um sich auf die Spiele vorzubereiten. Zweimal in der Woche trainieren wir auf Skates in der Halle, also Taktik, Spielzüge und das Blocken. Einmal pro Woche geht es für zwei Stunden zum Krafttraining.
Bei den Spielen geht es ja ganz schön heftig zu. Wie hoch ist das Verletzungsrisiko?
Es ist ein wilder Sport, da darf man sich nicht scheuen, ab und zu ein paar blaue Flecke davon zu tragen. Und auch die Füße sehen durch die vielen Stunden in Skates natürlich entsprechend mitgenommen aus. Trotzdem ist die Verletzungsrate nicht so hoch. Natürlich passiert mal was, wir hatten schon ein paar Brüche und Bänderrisse – aber in Anbetracht der Härte des Sports ist das absolut überschaubar. Außerdem sind wir ja von oben bis unten mit Protektoren, Helm und Mundstück gesichert und gut geschützt bei Stürzen.
Du hast vorhin angesprochen, dass dich vor allem der Teamgeist motiviert und fasziniert. Eine Regel beim Rollerderby besagt, dass man mit seinen Mitspielerinnen machen darf, was man will, zum Beispiel auf die spielerische Gegnerin schubsen. Ist das dem Teamgeist nicht eher abträglich? Und muss man da erst einmal eine gewissen Hemmschwelle überwinden?
Nein, überhaupt nicht. Bevor wir spielen, bringen wir uns immer in „Derbymodus“, und wenn der mal eingeschaltet ist, hat man keine Skrupel mehr. Wenn da eine Jammerin vom gegnerischen Team kommt, schubst du deine Mitspielerin drauf, ohne groß nachzudenken. Umgekehrt ist es auch nicht schlimm, wenn man selbst geschubst wird. Das ist einfach das Spiel.
Lernst du beim Rollerderby auch was fürs Leben, wie es so schön heißt?
Ja, wie bei allen anderen Teamsportarten auch: dass man sich auf andere Menschen einlassen muss. Und dass man sich auch in Situationen, in denen man gerne alles alleine reißen würde und könnte, für die Variante entscheidet, das als Team zu lösen. Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen pathetisch, aber gerade heute, wo die Ellenbogen immer mehr ausgefahren werden und viele für sich alleine glänzen möchten, finde ich diesen Teamgeist gut. Man begreift, dass man zu zweit oder zu viert viel mehr erreichen kann, als wenn man die Sache alleine durchzieht.
Warum ist Rollerderby nach wie vor einer reinen Frauensport?
Es ist so definiert worden. In den USA gab es in den 50er Jahren auch Männer, die Rollerderby gespielt haben, aber als der Sport wieder neu aufgekommen ist, wurde er als reiner Frauensport ausgerufen. Männer sind nur als Schiedsrichter zugelassen, ansonsten gehört der Sport nur uns Frauen. (lacht)
Angenommen, es kommt der ganz große Durchbruch fürs Rollerderby und es würde sich vom Nischen- zum Mainstreamsport entwickeln. Ginge damit für dich oder deine Kolleginnen der ersten Stunde der Reiz des Sports verloren?
Die Angst habe ich gar nicht, ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Rollerderby je ein Massensport wird. Selbst wenn wir es schaffen sollten, so populär zu werden wie in den USA, wäre es immer noch eine Nischensportart. Ich fände es toll, wenn wir mehr Leute fürs Rollerderby begeistern und unser Team aufstocken könnten. Aus diesem Grund veranstalten wir auch zweimal im Jahr Recruiting Days, um neue Spielerinnen, aber auch Männer als Schiedsrichter zu gewinnen. Und vor allem, um die Hemmschwelle abzubauen – die meisten denken, so wie ich Anfangs, dass sie bereits perfekt Rollschuhlaufen können müssen, um mitzumachen. Wir haben an den Recruiting Days deshalb immer Leihskates dabei, so merken die Mädels, dass es gar nicht so schwer ist. Einige kommen dabei auf den Geschmack, aber leider sind es nach wie vor zu wenige.
Ende des Jahres steht ein großes Ereignis an…
Ende November, Anfang Dezemer findet die erste Rollerderby Weltmeisterschaft in Toronto statt. 15 Nationen werden teilnehmen, und Deutschland ist eine davon! In den letzten Wochen haben unter allen deutschen Vereinen die Try outs stattgefunden, an denen jede Spielerin teilnehmen konnte, die den Anforderungen der WFTDA (Women’s Flat Track Derby Association) entspricht. Ich habe gestern erfahren, dass ich eines der 20 Mädels aus ganz Deutschland bin, die zusammen nach Kanada fahren und spielen werden! Das ist wahnsinnig spannend. Egal, was dabei rauskommt – die Chancen für uns sind ziemlich klein, das muss man schon sagen – ist es eine großartige Erfahrung. Wir werden zusammen mit US Teams auf dem Track stehen und spielen, das ist unglaublich. Ich bin wirklich stolz, dass ich es ins Team geschafft habe.
Vielen Dank für die Einblicke in die Welt des Rollderdery und viel Erfolg bei den Weltmeisterschaften!
Einen kurzen aber anschaulichen Einblick in das Regelwerk von Roller Derby gibt es hier: http://wftda.com/faq/playing-flat-track-roller-derby
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