In den Metropolen haben Fahrradkuriere vor einigen Jahren ein altes Spiel wiederbelebt: das Bikepolo. Es ist rau, hat viel mit Eishockey gemein und setzt perfekte Fahrkünste voraus. Mittlerweile ist Bikepolo auf dem besten Weg zum urbanen Trendsport. Grund genung also, sich näher mit dieser Sportart zu beschäftigen. Wir haben uns daher mit Steffen Mackert unterhalten. Der 36-jährige Grafikdesigner aus Karlsruhe steigt zwei bis drei mal die Woche auf sein Rad Marke Eigenbau. Derzeit trainiert er mit seinen Mannschaftskollegen für die Bike Polo Europameisterschaften in Barcelona vom 23. bis 26. Juni 2011.
Sports Insights: Früher waren es die Fahrradkuriere, wie sieht der typische Fahrrad-Polospieler heute aus? Gibt es den überhaupt, den „typischen“ Fahrrad-Polospieler?
Ich glaube, den gibt es heute nicht mehr. In den Anfangstagen des Sports, 1999 in Seattle (USA), bestanden die Teams fast ausschließlich aus Fahrradkurieren, und diesen Style sah man ihnen natürlich auch an. Auch zwei Mitglieder unseres Teams waren früher Fahrradkuriere – allerdings entwickelte sich unser Team letztlich aus der Liebe zum Fixed-Gear-Fahren. Meiner Meinung nach gibt es DEN Standard-Polospieler heute nicht mehr, viele von uns gehen normalen Beschäftigungen nach. Das besondere an Bike Polo ist der Community-Aspekt, der alle Spieler miteinander verbindet: Wir alle sind extrem Fahrrad-verrückt, lieben unsere Räder und fahren aktiv Fahrrad. Da spürt man dann doch noch ein wenig die Verbindung zu den Fahrradkurieren aus den good old days.
Sports Insights: Als Außenstehender hat man auf den ersten Blick den Eindruck: Ganz oder gar nicht, „Poloholic“ oder gar kein Bike Polo. Stimmt das oder gibt es doch auch den „Ab-und-zu“-Spieler?
Poloholics sind wir alle irgendwie, sonst würden wir uns nicht aufs Rad setzen. Bike Polo ist noch eine relativ junge Sportart, bei der es früher noch absolut ausreichend war, wenn man ab und zu mal zwischendurch gespielt hat. Inzwischen hat sich der Sport so schnell weiterentwickelt, dass es nicht mehr ausreicht, wenn man ein bis zwei Mal pro Monat spielt – besonders, wenn man auf Turnierebene aktiv ist. Es gibt mittlerweile Teams, die drei bis fünf Mal pro Woche gezielt Schußtraining und andere technische Komponenten trainieren. Bike Polo hat im Laufe der Jahre an Ernsthaftigkeit gewonnen.
Sports Insights: Warum ist Fahrrad-Polo ein derart urbaner Sport? Außerhalb der großen Städte scheint er kaum bekannt zu sein bzw. auf Interesse zu stoßen.
Vermutlich, weil sich die Leute in den Städten schneller langweilen und ständig was Neues suchen. Es hat natürlich auch immer was mit den Möglichkeiten zu tun, die man hat. Man braucht eine Asphaltfläche und mindestens sechs Leute. Je größer die Stadt ist, desto leichter lässt sich was auf die Beine stellen und am Leben halten. Darüberhinaus ist es eine gängige Spielart des urbanen Lebensstils, seine Umgebung für etwas Neues zu erschließen und Plätze zu finden, wo man das entsprechend ausleben kann. Das unterscheidet Bike Polo nicht wesentlich vom Skaten, wo man ebenfalls versucht den Raum zu nutzen, den man zur Verfügung hat.
Sports Insights: Fahrrad-Polo ist ja eine Mischung aus ganz unterschiedlichen Sportarten. Was ist der besondere Reiz, was macht die Faszination aus?
Mir gefällt, dass es ein Mannschaftssport ist, bei dem natürlich der Teamgedanke zählt, und auf der anderen Seite aber genügend Freiraum für den Individualisten besteht, der ein Match auch mal alleine entscheiden kann. Das war früher noch ausgeprägter, mittlerweile geht es bei uns deutlich taktischer zu. Bike Polo ist für mich die perfekte Mischung aus einem eher körperbetonten Sport, der in Sachen Taktik und Beschaffenheit des Feldes in Richtung Eishockey geht, und eben dem klassischen Fahrradfahren. Individualisten sind wir alle irgendwie, sonst hätten wir uns nicht für diese Sportart entschieden.
Sports Insights: Es gibt Bike Polo WMs und viele lokale Meisterschaften. Wie groß ist die Szene tatsächlich? In wie vielen und welchen Ländern existiert die Sportart?
Die Sportart schwankt noch zwischen Underground und urbanem Trend. Vorreiter sind ganz klar die USA als Ursprungsland und auch Kanada. Hier ist alles schon viel weiter. In jeder mittelgroßen Stadt existieren dort mindestens drei bis fünf feste Teams. Zum Vergleich: In Deutschland gibt es rund 50 bis 60 Bike Polo Teams, die in zwei Wochen in Hannover die deutsche Meisterschaft ausspielen werden. Seinen Anfang in Europa hatte Bike Polo in London. Das sich dort so schlagartig verbreitete, dass es teilweise nicht mehr genug Plätze gab, auf denen gespielt werden konnte. Die Teams haben sich zeitweise heimlich verabredet, um sicher einen Platz zum Spielen zu haben. Inzwischen sind es weltweit über 220 Städte, in denen gespielt wird. Pro Woche kommen im Schnitt zwei Städte neu hinzu.
Sports Insights: Wie gut ist die Szene untereinander vernetzt? Und wie viel macht gerade dieses Zusammengehörigkeitsgefühl aus an der Faszination dieses Nischensports?
Es gibt beim Bike Polo zwei Ebenen: Einerseits die Plattformen, über die man sich regelmäßig austauscht. Hier wird diskutiert, was am Material verändert werden kann, wo Turniere stattfinden und wer wo hinfährt. Gerade in Europa läuft sehr viel über Facebook. Andererseits packt man einfach seine Sachen und fährt in irgendeine Stadt, in der Bike Polo gespielt wird. Gerade in Europa ist die Szene sehr eng miteinander verbunden. Es kommt also durchaus vor, dass man am Wochenende spontan in eine andere Stadt fährt, um sich dort mit anderen Teams zum Spielen zu treffen. Es gibt keinen Verband oder andere feste Strukturen, auf der anderen Seite auch keine bürokratischen Zwänge, wie man sie vom Fußball oder Handball her kennt. Der Sport lebt also absolut von Einzelinitiativen – von Leuten, die das Zepter in die Hand nehmen und Dinge anleihern. In jeder größeren Stadt gibt es einen Ansprechpartner, der sich um die Organisation kümmert und alles koordiniert.
Sports Insights: „Ohne Bart ist man ein Milchbubi“, so ein Zitat aus der Szene. Wie toleriert sind die Bike Polo Spieler? Ersetzen Attribute wie Tätowierung und Bart vielleicht die Spielertrikots?
Das hat nicht wirklich was damit zu tun, dass die Spieler aggressiv oder tough aussehen müssen. Das wird gerne von den Medien aufgegriffen. Viele Spieler kommen vom Skaten oder Mountainbiken. Sportarten, bei denen Tätowierungen und Gesichtsbehaarung keine Seltenheit sind, sondern eher modischer Ausdruck der eigenen Persönlichkeit und eines urbanen Lebenstils. Es stimmt absolut nicht, dass man weniger ernst genommen wird, wenn man keinen Bart trägt. Bike Polo ist eine der tolerantesten Gruppen, die man finden kann.
Sports Insights: Gibt es wie beim Fußball je nach Nation charakteristische Spieltechniken?
Die Spieltechnik wird davon bestimmt, gegen wen und auf welcher Fläche man spielt. Auf einem großen Feld beispielsweise muss man viel mehr passen. Generell gibt es immer noch Unterschiede zwischen den USA und Europa: In den USA wird teilweise sehr hart gespielt, während in Europa das technisch anspruchsvollere Polo gespielt wird – wenn auch leider nicht unbedingt immer das effektivere. Natürlich muss man sich dabei, wie in anderen Mannschaftssportarten auch, entsprechend auf die Spielweise der Gegner einstellen.
Sports Insights: Bike Polo ist nach wie vor ein Nischensport, gleichzeitig machen viele Clubs oder Teams viel Öffentlichkeitsarbeit, um neue Mitglieder zu gewinnen. Wird es Bike Polo in ein paar Jahren zum Massensport geschafft haben? Wird es in ein paar Jahren Profi-Spieler geben?
Wir bewegen uns aktuell quasi zwischen Over- und Underground. Die Leute, die Bike Polo spielen, sind immer noch sehr speziell und es gibt nach wie vor noch sehr viel Erklärungsbedarf, obwohl die Regeln so einfach sind wie in fast keiner anderen Sportart. Aber ich bin der Meinung, dass der Sport im Moment auf einem guten Weg ist. Die Teams und Spieler werden immer jünger, das Durchschnittsalter liegt aktuell bei 20 Jahren – was irgendwie für die Glaubwürdigkeit unseres Sports spricht. Auf jeden Fall sind alle happy, wenn der Sport sich am Rande des Mainstreams vorbei schleicht. Eine Kommerzialisierung wie beim Fußball möchte bei uns keiner.
Sports Insights: Gibt es in den Städten schon dezidierte Bike Polo Plätze, vergleichbar mit Skateparks oder Beach-Volleyball-Anlagen? Oder erschließt Ihr Euch diese Plätze selbst, richtet sie Euch selbst ein?
Zu neunzig Prozent erschließen wir uns die Plätze selbst. In Karlsruhe sind wir beispielsweise auf einen großen Sportverein zugegangen. Die haben einen alten Tennisplatz, unter dessen Rasen eine asphaltierte Fläche lag. Den haben wir angemietet, hergerichtet und haben jetzt die Möglichkeit, diesen Platz regelmäßig zu nutzen. Das wäre vor ein, zwei Jahren noch undenkbar gewesen. Da haben wir meist auf Parkplätzen oder in Parkhäusern gespielt, was natürlich immer an der Grenze der Legalität war. Es ist momentan zu beobachten, dass in den unterschiedlichen Städten vernünftige Plätze entstehen, die den Anforderungen des Sports gerecht werden. Wenngleich das leider nicht überall die Regel ist.
Sports Insights: In einigen Teams spielen Frauen und Männer gemischt, in den Wettbewerben, z.B. zwischen verschiedenen Ländern, ist das ein Nachteil, Frauen werden dort oft „nur“ als Torhüter eingesetzt. Wird es demnächst reine Frauenteams geben?
Es gibt mittlerweile schon reine Frauenturniere. Das ist in den USA sehr erfolgreich. Europa hinkt hier noch ein wenig hinterher. Vor kurzem fand in Genf das erste Frauenturnier statt. In Deutschland kommen auf jede Stadt zwei bis drei Frauen, die aktiv Bike Polo spielen. München ist hier die Ausnahme: Hier gibt es seit einigen Jahren ein reines Frauenteam, das sehr erfolgreich zusammenspielt. Ich hoffe, dass das in Zukunft noch stärker zunimmt.
Sports Insights: Wie hoch ist das Verletzungsrisiko?
Bisher ist noch nichts schlimmes passiert. Gebrochene Finger sowie Platz- und Schürfwunden sind nicht außergewöhnlich. Sicherlich wird das Spiel im Turnier schneller und härter, umso näher es Richtung Finale geht. Ich habe auch schon mal einen Schläger ins Gesicht bekommen, das gehört irgendwie dazu. Wobei da keine Absicht dahinter steckt, denn am Ende geht es im Bike Polo nur um die Ehre und nicht um große Gewinne. Ich spiele mittlerweile zum Beispiel mit einem Eishockeyhelm, der ein Plexiglasvisier hat. Die Spieler haben keine Motivation, jemanden absichtlich zu verletzen. Gerade der freundschaftliche Umgang abseits des Spielfelds zeichnet ja die Polo Community aus.
Sports Insights: Vielen Dank für die tiefen Einblicke in die Welt des Bike Polo und viel Erfolg bei den Europameisterschaften!
Bilder: Copyright Stephen Mackert, http://www.shivamat.com/


