Erneuerbare Energien: Technologie oder Lebensgefühl?

Erneuerbare Energien: Technologie oder Lebensgefühl?

An einem sonnigen Maitag auf der Bahnstrecke Hamburg-Berlin postete ich auf Facebook eine Momentaufnahme meiner Gefühlslage: „Fahre gerade mit dem Zug an einem großen Windpark vorbei, im Hintergrund Biogasanlagen, im Vordergrund ein blühendes Rapsfeld – so sieht Energiewende aus. Schöööön!“ Nun neige ich nicht dazu, jeden meiner Schritte öffentlich zu dokumentieren – dieser Eindruck aber war so stark, dass ich andere daran teilhaben lassen wollte.

Eine Woche später fuhr ich auf der gleichen Strecke. An der entsprechenden Stelle genoss ich erneut den Anblick, bis mich mein Sitznachbar mit einem grummeligen aber klar verständlichen Kommentar aus dem Schwelgen herausholte: „Fehlt nur noch ‘n Solarpark, dann ist die Verschandelung komplett.“

Wie kann das sein? Warum löst das gleiche Bild so völlig gegensätzliche Reaktionen aus? Und das heute, wo die Notwendigkeit der Energiewende von niemandem mehr ernsthaft bestritten wird?

Da sind die einen, für die es im Zusammenhang mit der Energiewende auch, aber nicht nur um Finanzierbarkeit, Versorgungssicherheit oder um technologische Machbarkeit geht – bei denen immer auch eine Lebenseinstellung mitschwingt: Lebendigkeit, Fortschritt, Zuversicht mit Blick auf die Zukunft, Lust am Gestalten oder auch so etwas wie „Gemeinsam sind wir stark.“ Und dieses Lebensgefühl empfindet nicht nur die Gründergeneration der Umweltbewegung – die, die sich zum Teil selbst im Hobbykeller eine der ersten Solaranlagen gebastelt hat. Dieses Lebensgefühl hat sich offenbar kollektiv fortgesetzt, was sich auch in der steigenden Anzahl von Ökostrom- oder Bio-Supermarkt-Kunden, von Bio-Baumwoll-T-Shirt-Träger(inne)n oder auch von Vegetarier(inne)n zeigt.

Wurden diese alle noch vor einigen Jahren – als Müslis oder Wollsocken betitelt – eher in die Ecke der „Spinner“ gestellt, so reiben sich die Kritiker von gestern heute verwundert die Augen angesichts der vielen – auch sehr jungen – lebensbejahenden, fortschrittlich denkenden „Normalos“, die so gar nichts mehr mit den 68er „Ökos“ gemein haben.

Da sind die anderen, die sich offensichtlich (noch) schwer tun mit diesem Lebensgefühl. In deren Augen war und ist Energiepolitik geprägt von technologischen und ökonomischen Aspekten – ein Thema für wenige Fachleute, das weder als bewusstseinsbildend wahrgenommen wird noch als emotionalisierbar gilt.

Nun aber ist die Welt voller für die Energieversorgung der Zukunft relevanter Ereignisse, die emotional aufwühlen. Und darauf wollen die Menschen nicht nur Antworten, die man mit dem Taschenrechner nachvollziehen kann. Sie wollen sich anstecken lassen von der Zuversicht für die Zukunft, sie wollen aus dem Zugfenster schauen und Wind und Sonne auch mal in Gestalt von Windrädern, Photovoltaik-Modulen oder Biomasse-Anlagen begrüßen dürfen. Ein solcher Blickwinkel ist die Basis für die nicht immer einfache – aber ja unumstritten notwendige – reale Umsetzung der Energiewende.

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